Oder: warum ich keine Dankbarkeitslisten schreibe.
Ich bin Kommunikationstrainerin und arbeite täglich mit Worten, mit Zwischentönen und dem, was sich in Gedanken manifestiert. Und gleichzeitig bin ich gerade vor allem eines: eine Frau jenseits der fünfzig, unterwegs in einer Lebensphase, die ich für mich „Wechselzone“ nenne. Ich sehe diese Zeit als eine Phase der Neujustierung – oder vielleicht eher als ein großes Speicher ausräumen. Es geht darum, wieder mehr Raum zu gewinnen, loszulassen, was nicht mehr passt, und das wiederzufinden, was ich unter Bergen von Erwartungen – den eigenen und jenen der anderen – längst vergessen hatte. Eine Phase wo „auf zu neuen Ufern“ und „zurück zu den Wurzeln“ irgendwie das gleiche ist.
In diese Ausrichtung hat sich ein Wort geschoben, das früher für mich nach strenger Disziplin klang: Consistency. Dranbleiben. Doch heute hat es eine ruhigere Färbung bekommen. Es ist ein leises Sich-selbst-nicht-aus-den-Augen-Verlieren. Ein Dranbleiben an meinem eigenen, vielleicht ganz neuen Rhythmus. Ein neuer Takt im Gefühl, der mit der Ü50-Marke einzieht. Konsistenz bedeutet für mich jetzt auch, mich endlich in jene Themen zu vertiefen, für die ich mir jetzt erst den Platz schaffe – während im Außen das übliche Gewusel aus Alltagslogistik und den ständigen „Man-müsste-eigentlich“-Rufen tobt.
Die Mathematik der Möglichkeiten
Rechnen wir mal kurz: Von 20 bis 50 waren es 30 Jahre – ein gewaltiger Zeitraum für jugendlichen Leichtsinn, um Erfahrungen zu sammeln, eine Familie zu gründen, die Kinder aufwachsen zu sehen, Ziele zu erreichen und sowas in der Art. Von 50 bis 80 liegen theoretisch noch einmal 30 Jahre vor uns. Das ist keine „Restlaufzeit“, sondern eine komplette zweite Lebensspanne. Hurra! Das sind 30-mal Frühling, 30 Sommer, 30-mal herrlich bunter Herbst und 30 Winter.
Und ja, wir wissen natürlich nicht, ob wir diese vollen 30 Jahre oder mehr wirklich geschenkt bekommen. Aber hey, genau deshalb gilt es ja, heute, hier und jetzt damit anzufangen, genau so zu leben und uns zu erleben, wie es uns entspricht. Denn: „Wer die Gegenwart genießt, hat in Zukunft eine wundervolle Vergangenheit.“
Trotzdem warten wir oft.
Wir sagen: „Erst wenn die Kinder auf eigenen Beinen stehen … erst wenn die Pension da ist…“ Ich habe das schmerzlich bei meinem Vater erlebt, der sich so manches für „später“ aufgehoben hat – und dann verstarb er nur ein Jahr nach seinem Arbeitsende. Dieses Warten auf das „Erst wenn“ ist ein Trugschluss. Das Leben hält sich nicht an unsere Zeitpläne. Alles, was wir wirklich haben, ist das Jetzt.
Jenseits des Dankbarkeitsgedöns
In meiner Arbeit erlebe ich oft, dass wir zuerst alles aufzählen, was uns fehlt. Viele greifen dann zum „Dankbarkeitsgedöns“ – Workbooks, in die man brav einträgt, dass heute wieder die Sonne scheint. Ganz ehrlich? Mich langweilt das. Nicht, weil Dankbarkeit nicht kostbar wäre, sondern weil sie sich nicht wie ein To-do produzieren lässt.
Echte Dankbarkeit entsteht von selbst, wenn wir die Verbindung zu uns wiederfinden.
Sadhguru sagt treffend:
„Dankbarkeit ist keine Tugend, die man einübt. Sie ist eine Qualität des Seins.“
Sie stellt sich ein, wenn etwas in Resonanz kommt, das tiefer liegt als drei Stichpunkte auf einer Liste. Echte Veränderung beginnt dort, wo wir beginnen, etwas anderes zu verkörpern.
Warum ich manchmal wegfahren muss
Aber wie merkt man eigentlich, was „echt“ ist und was nur angelernt? Mir hilft dabei oft nur der Abstand. Ich muss wegfahren, um zu sehen, was wirklich zu mir gehört. Kennst du das? Kaum ist man ein paar Kilometer von zu Hause, vom Schreibtisch und vom gewohnten Umfeld entfernt, fallen die ersten Schichten ab.
Im gewohnten Alltag kleben die Erwartungen der anderen wie unsichtbare Kostüme an uns. Erst in der Ferne wird klar: Das bin ich, und das ist nur der Ballast, den ich für andere trage. Diese Weite in der Fremde gibt uns die Erlaubnis, den eigenen Kern überhaupt erst wieder wahrzunehmen. Doch die eigentliche Wahl findet im Inneren statt: Wir können nur das dauerhaft verkörpern, was wir zuvor als bewusste Haltung gewählt haben.
Die Geschichte einer Verwandlung: Wenn Worte zweitrangig werden
Wie so eine gewählte Haltung aussieht, zeigte mir eine liebe Kundin. Sie wollte ursprünglich lernen, wie sie sich im Job verbal besser behaupten kann. Doch im Gespräch wurde sichtbar, dass es nur scheinbar um die Wahl der richtigen Worte ging. Im Grunde hatte sie vor lauter Anpassung vergessen, sie selbst zu sein.
Sie erzählte mir, dass sie sich eigentlich ganz anders kleiden und ihr Haar lieber offen tragen wollte – sie dachte nur, dort sei kein Platz dafür. Ich nahm ihre Impulse auf und wir machten ein Gedankenexperiment: Woran würde ich beim nächsten Mal erkennen, dass sie bereits diese Version ihrer selbst ist? Ich konnte ihr spiegeln, wie sehr sich allein durch dieses Gedankenspiel ihre Ausstrahlung verändert hatte.
Der entscheidende Funke kam von ihr selbst: Sie hat sich die innere Erlaubnis gegeben und ihre Haltung neu justiert. Nur 14 Tage später stand sie wieder vor mir – in ihren Farben, das Haar offen. Sie hatte sich dieses „So-sein“ einfach erlaubt. In der Psychologie nennen wir das „Enclothed Cognition“ oder das „Acting-as-if“-Prinzip. Es ist keine Maske, sondern eine Hilfestellung, um die Maske der Anpassung endlich abzunehmen und zu einer entfalteten Persönlichkeit zu kommen.
Den Speicher ausräumen: Die innere beste Freundin
Vielleicht spürst du noch die Glaubenssätze, die dich bremsen?
Hier kann die Perspektive der inneren besten Freundin helfen. Sie ist die Instanz, die uns dabei unterstützt, den Müll von außen von unserem eigenen Kern zu unterscheiden. Eine beste Freundin hält das Licht, wenn wir selbst gerade im Dunkeln tappen. Sie würde uns wohl kaum sagen, dass unser Leben gerade eine einzige Katastrophe ist – sie weiß instinktiv, was wir brauchen.
Dass uns dieser Perspektivenwechsel leichter fällt als die direkte Frage nach unseren eigenen Wünschen, hat einen handfesten wissenschaftlichen Grund: das Self-Distancing. Die Forschung zeigt, dass wir Situationen viel weiser bewerten, wenn wir sie aus einer distanzierten Beobachterrolle betrachten. Fragen wir uns direkt: „Wie will ich in den nächsten Jahren leben?“, schaltet sich sofort die Vernunft-Polizei im Kopf ein. Dort sitzen die Wächter unserer Glaubenssätze und rufen: „Zu teuer!“, „Zu alt!“ oder „Was denken die anderen?“. Wir landen in einem kognitiven Engpass.
Die Rolle der (inneren besten) Freundin schafft psychologische Distanz. Das senkt die Stressreaktion und aktiviert unser „Caregiving System“. Wir nutzen Areale im Gehirn, die für Empathie und weitsichtige Lösungen zuständig sind. Die innere Freundin ist also ein Werkzeug, um die Vernunft im Kopf kurzzeitig in die Pause zu schicken.
Ein Blick aus der Zukunft
Stell dir also vor, diese Freundin blickt mit 80 Jahren zurück auf dein heutiges 50-jähriges Ich. Was sieht sie? Was übersiehst du vor lauter „Man-müsste-eigentlich“ gerade?
Falls dieser Blick aus der weiten Zukunft noch schwerfällt, bleib ganz im Hier und Jetzt. Frag dich einfach: Was würde ich jetzt gerne hören? Welche Worte würden mich wirklich aufbauen? Schenk dir selbst genau diese Zeilen – als Brief oder als Sprachnachricht. Es wird dadurch klarer, was dein Kern ist und was lediglich der Speicher-Müll der anderen war. Das Schöne bekommt dadurch wieder Platz. (Und natürlich darfst du für all das Dankbarkeit empfinden).
Dranbleiben am Wesentlichen
Consistency bedeutet für mich: Dranbleiben am Wesentlichen. Den Speicher ausräumen, das weggeben, was nicht mehr meins ist, und im eigenen Garten das ernten, was jetzt reif ist. Die Samen dafür sind längst angelegt – Themen, die ich schon immer vertiefen wollte und für die jetzt die Zeit der Reife gekommen ist.
Die nächsten 30 Jahre sind dein Möglichkeitsraum für dein Erleben – und HEUTE ist der erste Tag davon. Sei konsistent darin, dein Wesentliches zu suchen und es jetzt schon zu verkörpern.
Now is Wow.
Ich lächle dir zu!